Wahlen? – Ein Plädoyer für den Zufall

Von Daniel Dominik Dietze.

Einführen möchte ich mein Plädoyer mit ursprünglich abschließenden Worten von Eugen Drewermann aus seinem Adventsvortrag 2020 für die Volkshochschule Paderborn. Er verabschiedet die Zuhörer mit folgenden Worten:

„Ich wünsche von Herzen, dass Sie […] gut durch die Weihnachtsfeiertage kommen und Eintritt finden in ein wirklich neues Jahr. Es müsste, wie Sie begreifen, sich nicht etwas ändern, sondern alles.“

Dass sich alles ändern muss, bedeutet freilich nicht, dass nicht jeder Einzelne etwas ändern kann und sollte. Die Frage ist: Was kann ich ändern, dass sich alles ändert? Für diese Frage ist es nun, wie ich glaube, aller höchste Zeit und ich möchte Ihnen hier im Folgenden meinen, recht betrachtet, durchaus bescheidenen Vorschlag unterbreiten in der Hoffnung, dass es Früchte tragen möge.
Mein Plädoyer für den Zufall ist ein Plädoyer für die Demokratie. Doch was bedeutet Demokratie? Dass die Macht beim Volke liegt? Sicher, so der Volksmund. Genau genommen hat es die Demokratie im ursprünglichen Sinne zum Ziele Macht weitestgehend zu teilen. Demokratie ist eine Bremse. Die Teilung der Macht geschieht auf verschiedenen Ebenen, der zeitlichen, räumlichen, institutionellen sowie der leider unbeachteten intentionellen Ebene. Die institutionelle Teilung von Macht, also der Teilung in Judikative, Exekutive und Legislative, soll hier nicht verhandelt werden. Vor allem die räumliche, die zeitliche und die intentionelle Dimension von Demokratie soll im Weiteren näher Eingang finden.
Auf der räumlichen Ebene befinden wir uns in einer prekären Entwicklung. Entscheidungskompetenzen werden zunehmend zentralisiert. Die Länder geben sie an den Bund ab, der Bund wiederum an die EU. Dem demokratischen Prinzip folgend sollte es jedoch genau umgekehrt sein, denn nur so ließe sich die politische und kulturelle Vielfalt erhalten, die, wie wir alle wissen, das wirksamste Mittel gegen Diktatur ist. Wir sollten demzufolge die Kompetenzen und die Autonomie regionaler Bürgerparlamente stärken um politische Pluralität zu fördern.
Aber damit ist es nicht getan, denn auch ein Parlament in der Region macht schlechte Politik, solang es schlecht besetzt wird. Hier kommt nun der Zufall ins Spiel. In einer Folge von Terra X über die Europasaga verriet man:

„Von den alten Athenern können wir heute noch lernen. Bei der Ämterbesetzung vertrauen sie auf eine Wahlmaschine des Kleroterion. Das Los entscheidet. Keine Chance für Korruption oder Lobbys. Das alles war nicht über Nacht passiert. Die Demokratie in Athen entwickelte sich langsam Schritt für Schritt und sie wurde immer wieder reformiert.“

In einem Interview auf den Nachdenkseiten vom 26. Dezember 2020 unter dem Titel: „Und der Rundfunk würde plötzlich wieder denen gehören, die dafür bezahlen müssen“ gibt der Münchner Kommunikationswissenschaftler Michael Meyen auf die Frage, wie eine Rundfunkaufsicht aussehen könnte, die den Redaktionen Unabhängigkeit garantiert, folgende interessante Antwort:

„Auf jeden Fall müsste das Publikum dort das Sagen haben. Man könnte solche Räte wählen oder vielleicht sogar auslosen. Es gibt ja ausgearbeitete Modelle für Bürgerparlamente, die auf mich sehr verlockend wirken. Aleatorische Demokratie. Versprochen wird dort neben einem Ende des Lobbyismus auch eine Aktivierung der Bevölkerung, weil ja plötzlich jeder Gefahr laufen würde, für eine gewisse Zeit Abgeordneter zu sein. Ich kann verstehen, dass man das nicht gleich im Bundestag oder in den Landtagen ausprobieren möchte. Warum also nicht im Rundfunkrat? Viel schlechter als im Moment kann das nicht werden. Und der Rundfunk würde plötzlich tatsächlich wieder denen gehören, die dafür bezahlen müssen.“

Wir sollten unsere Abgeordneten also auslosen und die Politik würde plötzlich tatsächlich wieder denen gehören, die dafür bezahlen müssen – mit ihrer Lebensqualität oder ihrer Freiheit. Doch wo ist denn das Losverfahren gegenüber der Wahl (eigentlich Auswahl), was Korruptionsanfälligkeit und Lobbymacht angeht, im Vorteil? Auf der intentionellen und der zeitlichen Ebene. Warum regiere ich und wie lang? Diese Fragen sind entscheidend und werden bereits in einer Fabel des Alten Testaments, Jotams Fabel, aufgegriffen:

„Die Bäume gingen hin, um einen König über sich zu salben, und sprachen zum Ölbaum: Sei unser König! Aber der Ölbaum antwortete ihnen: Soll ich meine Fettigkeit lassen, die Götter und Menschen an mir preisen, und hingehen, über den Bäumen zu schweben? Da sprachen die Bäume zum Feigenbaum: Komm du und sei unser König! Aber der Feigenbaum sprach zu ihnen: Soll ich meine Süßigkeit und meine gute Frucht lassen und hingehen, über den Bäumen zu schweben? Da sprachen die Bäume zum Weinstock: Komm du und sei unser König! Aber der Weinstock sprach zu ihnen: Soll ich meinen Wein lassen, der Götter und Menschen fröhlich macht, und hingehen, über den Bäumen zu schweben? Da sprachen alle Bäume zum Dornbusch: Komm du und sei unser König! Und der Dornbusch sprach zu den Bäumen: Ist’s wahr, dass ihr mich zum König über euch salben wollt, so kommt und bergt euch in meinem Schatten; wenn nicht, so gehe Feuer vom Dornbusch aus und verzehre die Zedern Libanons.“

Diese Fabel geht zurück auf das Israel im Übergang von der Zeit der Richter zur Zeit der Könige. Nebenbei: Die Könige Assyriens und Babyloniens rodeten die damals noch bestehenden Zedern-Urwälder für den Bau ihrer Paläste. Eugen Drewermann nennt diese Fabel in einem Vortrag über Heilungsgeschichten der Bibel „die stärkste antimonarchische und gegen jede Macht gerichtete Fabel der Weltliteratur“ und kommentiert sie wie folgt:

„Wer das Zeug hat unter Menschen Herrschaft zu erstreben ist keineswegs im Kreise der nützlichen Menschen zu suchen, sondern der Eitlen, des Niedergestrüpps, der Minderwertigen. Die beißen und stacheln sich solange hoch, bis dass sie oben sind. Und dann gnade uns Gott, sie sind nichts als eine leibhafte Gefahr. Die Mächtigen warten nur auf die Chance, da man sie ran lässt. Gerade umgekehrt verhält es sich im wirklichen menschlichen Leben. Wer irgendetwas taugliches zu bieten hat im Zusammenhang des Kontexts anderer Menschen, der wird nicht herrschen wollen, der wird die Macht verweigern.“

Losen statt posen

Das Los holt genau die Menschen in die Parlamente, die da gar nicht hin wollen und allenfalls eine begrenzte Zeit bereit sind dieses Ehrenamt auszuführen, zudem vor dem Hintergrund, dass es sehr unwahrscheinlich ist, erneut ausgelost zu werden. Warum sparen wir uns in Zukunft nicht einfach die plakativen Wahlversprechen, den Fraktionszwang, die parteiinteren Machtkämpfe, Parteien? Wir könnten Parlamente bilden, die die Bürger wirklich repräsentieren und ihre Interessen vertreten. Die Mehrheit der Bundesbürger sind schließlich keine Juristen und der Bundestag ist nicht der Juristenverband. Der Zufall erzeugt eine ideale Verteilung der Sitze, was Alter, Geschlecht, Beruf, Hautfarbe, Glaubensbekenntnis, Kontostand und sexuelle Orientierung betrifft.
Ein Gegenargument, das mir gegenüber sehr häufig vorgetragen wird, zielt auf die vermeintlich mangelnde Expertise und Professionalität der potenziell ausgelosten Bürger ab. Ich bin jedoch sehr optimistisch, dass die reine Möglichkeit gelost zu werden, einen emanzipatorische Effekt auf die politische und kulturelle Bildung der Bevölkerung hat. Zudem spricht ja nichts dagegen in Zukunft weiterhin Ethikräte oder den wissenschaftlichen Dienst des Bundestags zu befragen. Begünstigend kommt hinzu, dass jeder der von mir Befragten immerhin sich selbst für professionell genug hält. Wir haben alle einen Beruf oder eine Berufung, wir alle sind Experten – darin und für unser eigenes Leben. Nur Befürchtungen halten uns davon ab uns selbst und dem Los zu vertrauen aber Angst ist ja bekanntlich schon immer ein schlechter Ratgeber.
Und jetzt Schluss mit der Bescheidenheit. Ich sehe im Losverfahren in gewisser Weise sogar einen Aspekt der messianischen Zeit, auf die viele bis heute warten! Denn wenn wir unsere eigene Regierung nicht mehr wählen, herrscht nicht mehr der Mensch über den Mensch und auch keine Parteispende der Welt, sondern der Zufall. Und auf ihn hat nur Gott Zugriff.
Lasst uns etwas ändern, damit sich alles ändert. Auf „Los“ geht ’s los!

„Das wahre Fliegen ist nicht das Donneren der Düsen am Deck einer DC 9, das wahre Fliegen ist ein sanftes Schweben im Fächer der Thermik.“ – Eugen Drewermann


Zitat Drewermann: Eugen Drewermann, Von Tieren und Menschen – Moderne Fabeln; Patmos, 2004; ISBN 3-491-69047-1


Weitere Quellen sind im Text verlinkt.


Weitere Beiträge zu #Wahlen